Junge deutsche Arbeitnehmer seien unflexibel oder mangelt es an verantwortungsbewußten Chefs, in Bezug zu den Wurzeln der deutschen Jugend

image_pdfimage_print

gelesen in: https://www.spiegel.de/karriere/uta-glaubitz-die-arbeitsmoral-der-deutschen-a-944775.html

Erste Hilfe Karriere Ist Arbeiten deutsch?

Arbeiten Deutsche nur der Arbeit wegen? Und werden sie für ihr Malochertum von anderen Nationen gehasst? Uta Glaubitz hat in der Literatur nach Antworten gesucht. Und sie bei einem Baumarkt gefunden.

Richard Wagner und Thea Dorn haben über "Die deutsche Seele" geschrieben

Kerstin Ehmer

Richard Wagner und Thea Dorn haben über „Die deutsche Seele“ geschrieben

Der Hass auf die Deutschen ist eigentlich nichts Neues. Bereits 1916 bezeichnete der Soziologe Max Scheler Deutschland als die meistgehasste Nation der Welt. In seinem Vortrag „Die Ursachen des Deutschenhasses“ sieht er allerdings nicht Hitler als Ursache. Denn der hatte sich bislang nur eine Oberschenkelverletzung in der Schlacht an der Somme zugezogen und lag im Lazarett.

Grund für den Deutschenhass, so Scheler, sei stattdessen die spezifisch deutsche Arbeitswut. Diese hätte alle anderen Nationen aus ihren liebgewonnenen Paradiesen vertrieben. Die Nachbarn im Osten wollten nichts als „Träumen, Sinnen, Fühlen, Beten, aber auch Schnapstrinken.“ Die Engländer würden nur deshalb kaufen und verkaufen, um freitagabends auf den Sportplatz zu fahren. Und die Franzosen nutzten ihren Finanzreichtum bei wenigen Kindern vor allem für Luxus.

Einzig der welthistorische Emporkömmling aus den Königreichen Preußen und Bayern arbeite mit „schreckenerregender Stetigkeit, Genauigkeit und Pünktlichkeit, arbeite, arbeitete und arbeitete nochmals – und was die Welt am wenigstens begreifen konnte – aus purer Freude an grenzenloser Arbeit an sich, ohne Ziel, ohne Zweck, ohne Ende.“ Diese Arbeitswut (und Arbeitslust) sah Scheler als „Urmitgift germanischen Wesens“.

Ist Arbeiten etwa deutsch? Der stets an solchen Fragen interessierte Komponist Richard Wagner gibt eine erste Antwort: „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.“

Kaum jemand hat das Deutschsein so erforscht wie die Schriftsteller Thea Dorn und Richard Wagner, ein Namensvetter des Komponisten, in ihrem Bestseller „Die deutsche Seele“. Das alphabetisch sortierte Buch beginnt mit Abendbrot, Abgrund und Arbeitswut. Es endet mit Zerrissenheit, die sich auch im Verhältnis zur Arbeit zeigt: „Arbeit wird abwechselnd als Strafe Gottes gesehen und als eine beglückende Tätigkeit, in der sich der Mensch erst als Mensch verwirklicht. Beide Positionen haben die Deutschen bis ins Extrem verfolgt“, so Dorn.

Die französische Redewendung „Travailler pour le Roi de Prusse“, wörtlich übersetzt „Für den Preußenkönig arbeiten“, bedeutet denn auch nicht unbedingt, sich für eine Obrigkeit abzuplagen. Einer anderen Lesart nach bedeutet sie, eine Arbeit schlicht um ihrer selbst willen zu tun

Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

Sie haben Fragen zu Karrierethemen, Probleme am Arbeitsplatz, Themenanregungen? Unsere Experten freuen sich über Ihre Nachricht!

Dorn und Wagner haben bei den stilbildenden Deutschen nachgeschaut, wie sie’s mit der Arbeit haben. Sie zitieren Johann Wolfgang von Goethe aus dem „West-östlichen Divan“: „Was verkürzt mir die Zeit? Tätigkeit! / Was macht sie unerträglich lang? Müßiggang!“ Schwer vorzustellen, dass es von Nationalhelden anderer Geburt derartige Hochdichtung gibt.

 

Als die Fernsehzuschauer „Die größten Deutschen“ wählten, kam Karl Marx auf Platz 3. Der allerdings hätte sich eine derartige Arbeitsverehrung verbeten. Viel besser für den Menschen sei es, die Gesellschaft die Produktion regeln zu lassen, auf dass der einzelne „morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht betreiben und nach dem Essen kritisieren“ könne, ganz wie es ihm beliebt. Die Utopie, auch eine Ansammlung heiterer Dilettanten könne ökonomisch überleben, weil die Gesellschaft die allgemeine Produktion schon irgendwie regelt, sei allerdings über die Jahrzehnte verwelkt, so Dorn.

Nicht mal die spießigen Marxisten der SED haben ihren Landsleuten erlaubt, nach eigenem Belieben vor sich hin zu wurschteln. Im Gegenteil: Im real existierenden Sozialismus gehörte die Arbeitspflicht (wie im Nationalsozialismus) zur Wirtschaft des diktatorischen Deutschlands. Fünfzig Auszeichnungen „Held der Arbeit“ vergab die DDR jährlich an regierungstreue Malocher, verbunden mit einer Zahlung von bis zu 10.000 Mark.

Wagner, Goethe, Marx – fehlt noch ein Kronzeuge? Ja, nämlich Immanuel Kant. Zur Frage „Ist Arbeiten deutsch?“ zitieren Dorn und Wagner den Aufklärer. Er bescheinigt dem „mit gesundem Verstandestalent verbundenen Fleiß des Deutschen“ nützlicher zu sein als alles Genie. Wie sonst, so Dorn, sei es zu erklären, dass einer der größten deutschen Baumärkte noch nicht Bankrott gegangen sei, obwohl er seit Jahren mit dem Spruch wirbt „Es gibt immer was zu tun“?

auch gelesen in: https://www.spiegel.de/karriere/ausbildung-arbeitgeber-beklagen-maengel-bei-berufsanfaengern-a-943191.html

Jeder vierte Chef klagt über Berufsanfänger

Junge Berufsanfänger sind lustlos und gehen Probleme nicht systematisch an: Laut einer Studie sind 26 Prozent der deutschen Arbeitgeber mit dem Nachwuchs unzufrieden. Noch schlimmer ist die Lage nach Einschätzung der Firmen in den Euro-Krisenländern.

„Die Jugend von heute kann gar nicht richtig arbeiten.“ Die Klage über den unfähigen oder verschnarchten Anfänger gehört zur Arbeitgeber-Folklore. Tatsächlich ist die Unzufriedenheit groß, stellt nun eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey fest: Gut jeder vierte Chef in Deutschland bemängelt fehlende Qualifikationen bei Berufsanfängern.

Mängel sehen die Befragten demnach vor allem bei der Arbeitsmoral oder den Fähigkeiten zur systematischen Problemlösung. Und sie ziehen daraus schwerwiegende Konsequenzen: Knapp ein Drittel (32 Prozent) der Arbeitgeber gibt an, Lehrstellen lieber unbesetzt zu lassen, als die jungen Leute einzustellen, die sich bei ihnen beworben haben. Und das, obwohl vor allem kleine und mittelständische Unternehmen Probleme haben, überhaupt Interessenten für ihre Ausbildungsplätze zu finden.

Die Folgen seien in ganz Europa zu sehen, glauben die Autoren der Untersuchung: Qualifikationslücken seien mitverantwortlich für die hohe Jugendarbeitslosigkeit vor allem in den Krisenstaaten. Die Probleme der jungen Generation seien in Ländern wie Frankreich, Griechenland, Italien und Portugal nicht allein der wirtschaftlichen Flaute geschuldet, die dort die Arbeitsmärkte für alle Altersgruppen belastet. Die Schwächen der Berufsausbildung spielten auch eine wichtige Rolle.

So brächten Berufsanfänger etwa zu wenig praktische Erfahrung mit. Allerdings liegt die Schuld nicht allein an der berüchtigten „Jugend von heute“. Studienleiter Kai Holleben sagt: „Das Überraschende ist: Es gibt auch ein Problem auf Seiten der Arbeitgeber. In allen analysierten Staaten scheint das Bildungssystem die Jugendlichen nicht gut genug auf den Beruf vorzubereiten.“

 

Junge Menschen werden falsch informiert

„Unser aktuelles System der Berufsinformation und -beratung garantiert nicht, dass junge Menschen die Ausbildung wählen, die tatsächlich die beste für sie ist“, erklärt McKinsey-Beraterin Solveigh Hieronimus. Zwei Drittel der jungen Menschen geben an, sich falsch oder unzureichend informiert zu fühlen, was ihre spätere Berufswahl betrifft. In Deutschland würde sich nur jeder dritte Befragte ein zweites Mal für die gewählte Ausbildung entscheiden.

Der Bericht wird am Montagmittag in Brüssel vorgestellt. EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou bezeichnete fehlende Fertigkeiten als Bedrohung für Europas künftigen Wohlstand. Sie kritisierte „die Diskrepanz zwischen dem, was unsere Bildungssysteme liefern, und den Bedürfnissen der Arbeitgeber“. Um das Problem anzugehen, schlagen die Autoren der Studie unter anderem eine stärkere Zusammenarbeit von Ausbildungsinstitutionen und Wirtschaft vor. Auch berufsbegleitende Ausbildungen und frühere praktische Erfahrungen seien sinnvoll.

Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern schlägt sich Deutschland übrigens gut. In den anderen untersuchten Staaten kritisieren deutlich mehr Schulabgänger die Informationslage. Nur maximal ein Fünftel der Befragten sieht sich ausreichend informiert.

Für die Untersuchung befragte McKinsey mehr als 8500 junge Menschen, Arbeitgeber und Vertreter von Bildungseinrichtungen in Deutschland, Großbritannien, Griechenland, Frankreich, Portugal, Spanien, Italien und Schweden. Die Daten für Deutschland und Großbritannien sind aus dem Jahr 2012, die aus den anderen Ländern von 2013.