Verrauchte Wut, verlöschtes Leben – Verbündet Euch

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Verrauchte Wut, verlöschtes Leben

Bild: Pixnio.com/CC0

Die Popmusik hat resigniert. Eine Brandrede

I Die Zähmung der Musik

Als Vater halbwüchsiger Kinder bleibt es mir nicht erspart, bisweilen im Radio das hören zu müssen, was der heutigen Jugend als Musik vorgesetzt wird. Selbstverständlich gefällt es mir nicht. Das allein will noch nichts besagen. Jede Generation hat das Recht und die Aufgabe, ihren eigenen Musikgeschmack zu entwickeln. Meine Musik gefiel meinen Eltern auch nicht, glaube ich. Und deren Musik wiederum – der kreative Ausbruch der Sechziger Jahre – war bekanntlich für die Generation ihrer Eltern ein erschreckender Kulturbruch. Und so weiter.

De gustibus non est disputandum. Nicht über Geschmäcker, nicht über Form – aber über Inhalte. Über Aussagen.

Jede Kunst ist ein Ausdruck einer Haltung zur Gesellschaft, ist ein Kommentar zur Welt, eine Mitteilung über einen inneren Zustand des Künstlers. Das gilt besonders für die Musik. In den Sechzigern ebenso wie in den Achtzigern ebenso wie heute gab und gibt es verschiedene Stile der populären Musik, die zu verschiedenen Subkulturen gehören. Von denen jede ihren eigenen Platz in der Gesellschaft sucht.

So wählten die Grufties meiner Jugend Verweigerung durch Resignation und Rückzug, die Reggae-Fans wählten Rastafari und politische Kritik, die Punks wählten Leistungsverweigerung und Wut. So verschieden sie waren – angepasst sein wollten sie alle nicht. Und obgleich es natürlich auch in meiner Jugend eine Menge “Silly love songs” gab, äußerten sich Künstler in allen Stilen auch zuverlässig und häufig politisch. Mir kommt etwa die LP “Street fighting years” von den Simple Minds in den Sinn: zehn Songs über die politischen Probleme ihrer Zeit, von Südafrika (“Biko”, “Mandela Day”) bis nach Nordirland (“Belfast Child”). Voller Energie, voller Sendungsbewusstsein. Ähnlich natürlich U2, oder Sting, oder Midnight Oil, oder die Housemartins, oder New Model Army, oder in Deutschland die Toten Hosen oder die Ärzte. Oder, oder, oder. Künstler lehnten sich auf gegen die Missstände der Gesellschaft.

Die Popmusik hat sich seither gewandelt. Verschiedene Studien haben diese Veränderung quantifiziert. Neben einer über die Jahrzehnte schlichter werdenden Harmonik, enger werdender Spanne an Klangfarben und Dynamik und immer repetitiveren Texten (kurz: Sie wird tatsächlich immer schlechter) gibt es auch eine Verschiebung in den Genres: Zwar scheint es kleine Unterschiede zwischen den USA und dem Vereinigten Königreich zu geben, aber insgesamt werden die Lieder elektronischer, entspannter und tanzbarer, andererseits trauriger, und: Der Rock verschwindet.

Rock – das bedeutet Auflehnung. Rock ist rotzig, wütend, laut, energetisch, unnachgiebig. Es gibt keinen braven Rock. Egal, ob man Rock mag – man muss anerkennen, dass er voller Energie steckt, dass er sperrig ist, sich nicht einpassen will. Rock ist musikgewordenes Nein!

Es gäbe wahrlich genügend Grund, unserer Gesellschaft ein wütendes “Nein!” entgegenzuschreien. Während die Regierenden des Westens Kriege führen und vorbereiten, während sie Recht brechen und Empörung heucheln, während sie Gewalt säen und Hass ernten, während sie die Reichen reicher und die Armen ärmer werden lassen, die Umwelt und all unsere Lebensgrundlagen zerstören, verkaufen sie und ihre Handlanger in den Medien uns für dumm und speisen uns mit Brot und Spielen ab.

Und so viele Menschen sind tatsächlich so dumm. Sie köcheln auf ihrem Ärger faulige Ressentiments, lassen sich feige neun von zehn Brötchen wegnehmen und hetzen dann gegen den Hungernden, der vom letzten einen Krümel braucht. Wahrlich, es gibt so viel Grund für Wut.

Wo ist sie also? Wo bleibt sie? Wo ist die Wut?

Nicht in der Musik. Die Popmusik von heute ist kein Rock. Sie ist auch kein Punk. Sie singt nicht von Protest und Anklage. Im Gegenteil. Deutsche Popmusik ist tönendes Biedermeier; sie singt von häuslicher Harmonie und Bescheidenheit: “Lieber auf Wolke vier als wieder ganz allein.” Träume müssen realistisch sein. “Und wenn sie tanzt, ist sie woanders” – sonst aber immer in derselben alternativlosen Scheiße, is‘ halt so. R&B rotzt, aber nicht gegen politisches Unrecht, sondern gegen Leute, die nerven: Schaut her, ich bin eine toughe Frau, ich lasse mir nichts bieten! Musikgewordene Selbstbehauptung.

Schlimmer noch im Rap, der einst die Musik der Unterdrückten und Abgehängten war. Wie Unterdrückte und Abgehängte überall (v.a. in der SPD) träumen sie mitnichten davon, das ungerechte System zu stürzen, sondern nur davon, selbst darin nach oben zu steigen. So rappt der Rapper davon, wie stark und cool er ist, und wie er seinen Lambo auf dreihundert Sachen beschleunigt. (Subversiv wäre, ihn in den Klärteich zu schieben.)

Die Gesellschaft, in der sie sich behaupten und aufsteigen wollen, greift keiner von ihnen an. Ihre Selbstbehauptung, ihr Kampf jeder gegen jeden, ist kapitalistische Ideologie in Tönen. Solidarität mit Schwachen und Verlierern ist uncool, Verweigerung unzeitgemäß. Man kann nicht protestieren, man muss ja noch rechtzeitig Karriere machen. Ehe einen die anderen überholen.

Trotz “Fridays for Future” genügt der Elan nicht einmal für ökologischen Protest. Schon in den Achtzigern prangerten Midnight Oil die Ausbeutung des Planeten an. Es ist seitdem noch schlimmer geworden – singt irgendwer dagegen an?

II Die Zähmung des Menschen

Gewiss. Wut, Angst, Hass und Traurigkeit sind keine schönen Gefühle. Aber es sind menschliche Gefühle. Sie können ihre Berechtigung haben. Sie treiben uns an. Sie erlauben uns, uns selbst zu fühlen. Gefühle unterscheiden uns von Robotern.

Neurobiologisch kann man Gefühle seit Walter Cannon (“Wut, Hunger, Angst und Schmerz”, 1926) als Homöostasesignal sehen. Sie zeigen eine Bedrohung der persönlichen Integrität an. Sie melden, dass ein Ist-Wert vom Soll-Wert abweicht. Wut bedeutet: Etwas ist nicht so, wie es sein soll. Sie motiviert uns, das zu ändern. Gefühle sind die Übersetzung zwischen unserer Umwelt und unserem Handeln.

Die Bloggerin Helen Buyniski (“Helen of desTroy”) hat schon seit einiger Zeit beobachtet, dass die negativen Gefühle in unserer Gesellschaft verpönt werden. Man zeigt sie nicht, man hat sie nicht. Traurigkeit? Etwa gar mehr als zwei Wochen Trauer nach dem Verlust eines Angehörigen? Dagegen gibt es Pillen. Denn die Ursache, wie mein Kollege Stephan Schleim nicht müde wird zu kritisieren, wird stets im Gehirn gesucht – und nicht in der betrüblichen Umwelt, mit welcher dieses Gehirn zurechtkommen muss. Krankheit ist immer das Problem des Einzelnen. Bloß nicht an den Umständen zweifeln!

Einsamkeit? Sie ist, wie wir seit kurzem wissen, ein Grundgefühl. Ein Homöostasesignal, das uns antreibt, Nähe zu Menschen aufzubauen, die uns verstehen. Einem erschreckend großen Teil der Menschen in den westlichen Gesellschaften scheint das nicht zu gelingen, zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Amerikaner bezeichnet sich als einsam. Schwerlich könnte ein Problem deutlicher auf soziale Ursachen zurückzuführen sein, aber die Einsamkeitsforscherin Stephanie Cacioppo erklärt es lieber zu einem “public health problem”, das “the full engagement and support of the medical community” verlangt und testet ein Medikament dagegen (Eine Pille gegen Einsamkeit). Andernorts – wie wiederum Helen Buyniski aufzeigt – entwickelt man Robotergefährten. Der Mensch muss doch ersetzbar sein!

Und Wut? Seitdem man sie als Ursache für Gewalttaten und unerfreuliche Wahlergebnisse ausgemacht hat, doppelt man sie sprachlich mit dem Hass und erklärt sie zum Problem. Man muss doch was tun gegen die Wut! Aber was? Nun, jedenfalls bloß nicht fragen, wo sie her kommt. Das könnte unliebsame Antworten hervorrufen, könnte auf die Binse führen, dass glückliche Menschen nicht wütend werden. Also pathologisiert man die Wut, verbietet sie, verdrängt sie.

Und so haben wir die negativen Emotionen gezähmt und ausgerottet, denn es ist kein Platz für sie in der besten aller möglichen Welten. “Hier ist alles super!” singen wir gemeinsam und fühlen uns dabei so roboterhaft und innerlich leer wie die Legomännchen. Wir müssen wohl krank sein.

III Die Zähmung der Götter

Was aber bleibt vom Menschen, der keine Gefühle mehr hat? Der nicht mehr weinen, nicht mehr zittern, nicht mehr schreien darf – dem allenfalls noch ein wahnsinniges Lachen erlaubt ist?

Machen wir noch einmal einen Sprung. Einen großen Sprung nach ganz, ganz oben. Die Gottesbilder sind so verschieden wie die Kulturen und Zeiten. Der eifersüchtige Gott des Alten Testaments hat nichts gemein mit dem Gott, der sich aus Liebe selbst am Kreuz geopfert hat, und dieser wiederum nichts mit dem kriegerischen Schulmeister, den Mohammed erfand. “Der Mensch erschuf Gott nach seinem Ebenbild”, sagt das Bonmot geistreich, aber ungenau. Denn: nicht nach dem Eben-, sondern dem Idealbild erschafft der Mensch sich seine Götter. Der Himmelsherr ist ihm Vorbild und moralischer Fixstern. Er weist die Richtung, ist aber unerreichbar.

Wir halten uns für aufgeklärt und atheistisch. In Wahrheit aber sind die Götter heute zahlreicher denn je. Zeus und Odin, Jahwe und Allah haben abgedankt. An ihrer Stelle beten wir “die Märkte” an, das neue Dioskurenpaar “Freiheit und Demokratie”, und, über allem thronend, den neuen Göttervater “Fortschritt”. Fortschritt ist ein gnadenloser Deus absconditus. Er ist kein Schöpfer, nur ein Optimierer. Das war vielleicht einmal anders, da dachte man einst bei “Fortschritt” noch an Fortschritte der Gesellschaft, der Menschheit, der Moral. Heute denkt man an höhere Produktivität.

Wie oben, so unten. Wie unten, so oben. Beständige Selbstoptimierung ist das Idealbild des heutigen Menschen. Der Weg wird längst nicht mehr hinterfragt – es gilt nur, ihn schneller voranzukommen. Den Mechanismus, der zu dieser Selbsterziehung führt, hat der große Philosoph Günter Anders schon vor über sechzig Jahren benannt und analysiert: die prometheische Scham. Im Angesicht unserer Produkte, die potentiell unsterblich sind, unendlich oft replizierbar, 24/7 einsatzbereit, nahezu allmächtig, schämen wir uns unserer eigenen Unvollkommenheit. Und eifern unseren eigenen Produkten nach.

Wir machen uns selbst zu Robotern: belastbar, flexibel, stets einsatzbereit, leistungsfähig, niemals krank. Wir haben keine Leistungstiefs, denn wir haben keine Gefühle. Wir haben keine Musik – wir haben Techno. Und tanzen dazu wie Roboter.

Als säkularer Christ kann ich mit den eifersüchtigen, strafenden Göttern der Juden und Muslime recht wenig anfangen. Und das darf ich sagen, weil ich ihnen umgekehrt dasselbe Recht zugestehe. Aber Jahwe und Allah sind mir immer noch lieber als der kalte, unmenschliche Gott der Neuzeit, der unpersönliche “Fortschritt”, der längst aller Attribute und allen Sinns entkleidet ist. Von allem, was “Fortschritt” einst bedeutet haben mag, ist nichts mehr übrig geblieben als der nackte Effizienzgewinn. Ein Demiurg für Roboter.

Kinder! Töchter! Selbstbehaupter und Gretajünger! Ihr seid keine Roboter! Und alle Götter und Dämonen der Alten mögen verhindern, dass Ihr jemals welche werdet! Kämpft! Tobt! Schreit! Singt! Schimpft! Tanzt! Empört Euch! Verbündet Euch!

Rockt!